Familiengeschichte

150 Jahre Familiengeschichte und drei Forschergenerationen

Als Vertreterin der fünften Besitzergeneration des Bildes MADONNA LEO X. fasse ich hier kurz 150 Jahre Familiengeschichte und die Tätigkeit von drei Forschergenerationen zusammen. Ich stütze mich dabei auf die von unserer Grossmutter, Melanie Hasler-Bertschinger, geschriebene Familienchronik.

Der Winterthurer Grosskaufmann und Kunstsammler, unser Vorfahre Jakob Weiss-Sulzer (1817– 1879), ersteigerte das Madonnenbild 1866 in einer Auktion in Wien. Er hat dafür einen hohen Preis bezahlt, der darauf schliessen lässt, dass das Bild als echter Raffael angeboten worden war. Den Raum für seine Bildersammlung richtete Jakob Weiss im Dachgeschoss seines Hauses «Gloria» an der Stadthausstrasse in Winterthur ein – er ist noch heute zu sehen.

1868 jedoch verliess Jakob Weiss Winterthur definitiv und gab als neue Wohnsitze Zürich und Wien an. In Zürich erwarb er die von Leonhard Zeugheer erbaute Villa Bellaria. Sein Hauptwohnsitz war aber ein Haus am Ballhausplatz in Wien; dort ist er 1879 gestorben.

Nebst zwei Söhnen, die in die USA und nach Argentinien emigriert und dort verschollen sind, hatte Jakob Weiss noch die Tochter Melanie. Diese bewohnte mit ihrem Ehemann, dem Juristen Karl Eduard Bertschinger, nach der Gloria die Villa Bellaria in Zürich, wohin auch die Bilder gebracht wurden. Das Ehepaar hatte fünf Kinder, unter anderem unsere Grossmutter, Melanie Hasler-Bertschinger, die zeit ihres Lebens in der Enge gewohnt hat. Karl Eduard Bertschinger erhielt für seine Verdienste beim Bau der Quaianlagen, des neuen Bahnhofs Enge und der Kirche Enge das Ehren bürgerrecht der Gemeinde Enge.

Nach seinem Tod 1891 heiratete die Tochter von Jakob Weiss, Melanie Bertschinger-Weiss, in zweiter Ehe den verwitweten Elias Hasler, Amtsvormund ihrer Kinder und Gemeindeschreiber der Enge. Nach der Eingemeindung 1893 war Elias Hasler Stadtrat und Finanzvorstand von Zürich. Er überlebte seine Ehefrau um 20 Jahre. Die Teilung des Erbes von Jakob Weiss wurde erst nach seinem Tode 1923 vorgenommen; 1925 folgte die Inventarisierung der Gemäldesammlung. Unsere Grossmutter Melanie  Hasler-Bertschinger, verheiratet mit dem Juristen Karl Hasler, Sohn von Elias Hasler aus erster Ehe, vermerkt in ihrer Familienchronik: «Die Möglichkeit einer Erlösung der Raffael-Madonna aus ihrem langen Dornröschenschlaf war jetzt vorhanden.»

Ihre Schwester Rosy, in hohem Masse kunstinteressiert, fand mit scharfem Blick im Mantelsaum der Madonna die Signatur von Raffael und machte es sich zur Aufgabe, die nötigen Unterlagen zusammenzutragen, um dem Bild den ihm zustehenden Platz zurückzugewinnen. Kein Opfer, weder zeitlich noch finanziell, war ihr zu gross; sie konnte zudem über drei Jahrzehnte mit der Unterstützung durch ihre Schwester, unserer Grossmutter, rechnen, die sprachbegabt und belesen war – im Gymnasium sogar Griechischunterricht erhalten hatte.

Bibliotheken und Museen wurden besucht; 1932 reisten die beiden Schwestern  (Enkelinnen von Jakob Weiss) mit dem Bild sogar nach Berlin, wo im Polizeihauptquartier am Alexanderplatz sogar nach Fingerabdrücken von Raffael gesucht wurde. Leider fehlten Vergleichsmöglichkeiten…

Es folgten – immer mit dem Bild im Gepäck – Reisen nach Paris, England, Italien und New York. Die Frucht dieser Forschungen war der lückenlose Nachweis des Wegs, den die MADONNA LEO X. vom gleichnamigen Papst über die Fürsten von Massa zur Genueser Dogenfamilie Cambiaso bis zu unserem Ururgrossvater gegangen war.

Auch erste werkstoffliche und Ultraviolettuntersuchungen wurden in Auftrag gegeben. 1932 erstellte Prof. Alexander Eibner (Berlin/München) das erste, vorzüglich fundierte und ausführliche, auch heute noch überzeugende Gutachten. Eine mikrochemische Analyse in Zusammenarbeit mit Pariser Laboratorien ergab den Befund, dass in der originalen Malschicht kein einziger Werkstoff enthalten war, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts nicht verwendet worden wäre. Eibner fand Pentimenti, also Verbesserungen während des Malvorgangs, sowie Frühschwundrisse und war überzeugt, dass Widmung und Signatur gleichzeitig mit dem Bild gemalt worden waren. Eibner kam in seinen Gutachten zum Schluss, dass die MADONNA LEO X. keine Kopie der BELLE JARDINIÈRE sein könne, da diese keinen Widmungstext enthält und einen anderen Hintergrund aufweist. Eibner hat 1932 die Authentizität der  MADONNA LEO X. voll anerkannt. Sein rund 50 Druckseiten umfassendes Gutachten ist – mit Verspätung wegen des Zweiten Weltkriegs – 1956 in der Zeitschrift L’ARTE publiziert worden. Trotzdem blieb dem Raffael-Bild die verdiente Anerkennung in der Kunstwissenschaft versagt.

Die beiden Schwestern forschten weiter; in einer Bibliothek in New York fand sich ein Nachtrag von Crowe zu seinem 1884 publizierten Werk über Raffael. Diesen schrieb er, nachdem er das Madonnenbild, das er in Genua nicht mehr gefunden hatte, schliesslich in Wien in Privatbesitz (wahrscheinlich bei unserem Ururgrossvater oder seiner Witwe) besichtigen konnte, eine begeisterte Revision seiner früheren Zweifel an dessen Echtheit. Er wusste von dessen Existenz, da es 1780 von C.G. Ratti in seinem Stadtführer von Genua unter den Bildern im Palazzo Cambiaso aufgeführt worden war, als heilige Familie von Raffael „di rara finitezza”.

1956 verfasste Melanie Hasler-Bertschinger eine Familienchronik im Zusammenhang mit der MADONNA LEO X. und 1958 ein Résumé ihrer Forschungsergebnisse in Form einer  wissenschaftlichen  Studie  mit  eindrücklicher  Bibliografie:  «Die  MADONNA  LEO X. Zwei Fragen und der Versuch ihrer Beantwortung.»

Ab 1956 übernahm die vierte Besitzergeneration, unsere Mutter und ihre Brüder, die Aufgabe, dem Bild zum Durchbruch zu verhelfen.

Dazu wurde dem damals 90-jährigen Raffael-Spezialisten Prof. Bernard Berenson das Bild 1956 in seiner Villa in Fiesole gezeigt. Er verwies die Besitzer an den Kunstexperten Prof. Giorgio Nicodemi in Florenz. Dessen 1956 geschriebenes, positives Gutachten wurde in der Zeitschrift L’ARTE zusammen mit Eibners Gutachten von 1932 publiziert. Gleichzeitig wurde das stark nachgedunkelte Bild von Prof. Silvio di Volo in mehrwöchiger Arbeit gereinigt und restauriert.

1962 erstellte das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft in Zürich unter der Leitung von Dr. Hans A. Lüthy und Rolf E.Straub, Leiter der technologischen Abteilung, ein 90-seitiges, durchaus positives Gutachten. Die zahlreichen Mikro- und Detailaufnahmen, Röntgenbilder, Fluoreszenz- und Infrarotaufnahmen führten zum Schluss: «Die Wahrscheinlichkeit sowie die als zeitgemäss befundene und durch den Text direkt auf die Dedikation an Papst Leo X. verweisende, einzigartige Beschriftung dieses Bildes sprechen für ein Original Raffaels.»

Auch Prof. Erik Larsen aus Washington schrieb nach einer Besichtigung des Bildes in Zürich 1961 eine begeisterte Beurteilung: «All lead to the logical conclusion, that we have to do here with the original by Raphael’s very own hand. And if the under-signed (d.h. Larsen) be permitted to add an aesthetical consideration to the impressive array of concrete facts: he feels that we are in the presence of not merely an original by the master, but of an uncommonly lovely and perfect one, to boot.»

Mit diesen in den Jahren 1956 –1962 gesammelten Expertisen und Gutachten schien alles  getan,  um  dem  Bild  endlich  zum  Durchbruch  zu  verhelfen.  Die  Familie wünschte sich seine Rückkehr an den Ursprungsort, den Vatikan. Der Kontakt wurde unter  Vermittlung von Prof. Nicodemi aufgenommen. Unsere Mutter wurde von Kardinal Constantini, einem Kunstexperten, in Audienz empfangen. Sie bot ihm das Bild zu einem günstigen Preis an. Doch der Vatikan lehnte ab, er habe im Moment kein Geld für Kunst.

Nun stellte sich die Frage: wie weiter? Wohin mit dem Bild? Wer übernimmt die Verantwortung?

Unter den 15 Nachkommen der fünften, also meiner Generation, war niemand mit der komplizierten Geschichte besser vertraut als ich; kannte ich doch alle Unterlagen, war bei den Besuchen der Experten dabei gewesen und deshalb prädestiniert, die Bemühungen um die Anerkennung des Bildes – das zentrale Anliegen unserer  Familie – weiterzuführen.

So übernahm ich 1975 die Verantwortung, musste jedoch aus familiären und beruflichen Gründen abwarten. Auf Anraten von Bekannten liess ich das Bild 1995 erneut – vor allem in maltechnischer Hinsicht – durch Ing. Maurizio Seracini vom Centro diagnostico per i beni culturali in Florenz untersuchen. Das Resultat war einmal mehr klar positiv.

Seit 2007/2008 sind mein Mann und ich aktiv geworden: Dreimal besuchte uns der Raffael-Kenner Prof. Meyer zur Capellen aus Münster in Zürich. Er erwähnt unser Bild darnach im dritten Band seiner Raffael-Monografie mit dem Hinweis, es sei noch weiter zu untersuchen. Auf sein Anraten weilte 2010 Ing. Claudio Falcucci aus Rom bei uns in Zürich und untersuchte das Bild mit Röntgen- und Fluoreszenzradiografie, Spektrografie, im Infrarotbereich und nahm materialtechnische und che-
mische Analysen der verwendeten Farben vor. Er analysierte die Leinwand und stellte wie schon die Gutachten von Eibner und des SIK Frühschwundrisse und Pentimenti fest. Fazit: Nichts, absolut nichts in seinem ausführlichen Gutachten spricht dagegen, dass Raffael dieses Bild für Leo X. gemalt und ihm zu seiner Krönung geschenkt hat.

Zusammenfassend bezeugen sämtliche in den letzten 80 Jahren erstellten kunsthistorischen  und  maltechnischen  Gutachten  den  guten  originalen  Zustand  des Bildes. Sie bestätigen die Lage aller wesentlichen Bildelemente inklusive Signatur und Widmung unter dem ersten Firnis und die ausschliessliche Verwendung von Farben, die zu Raffaels Zeiten effektiv verwendet wurden.

Trotzdem ist eine nunmehr nur noch irrational zu nennende Ablehnung bis heute vorherrschend. Aus welchen Gründen auch immer darf es offenbar unser Bild nicht geben.

Nachdem sämtliche maltechnischen Untersuchungen nicht zur Kenntnis genommen worden waren, musste das Problem aus einem anderen Blickwinkel angegangen werden: nämlich historisch-phänomenologisch und kriminalistisch. Das Bild musste mit der BELLE JARDINIÈRE und seinen vielen Kopien verglichen werden. Prof. Meyer zur Capellen hat uns freundlicherweise dazu Bildmaterial zu den Kopien überlassen.

Mein Mann, von Beruf Jurist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Buch aus diesem ganz anderen Blickwinkel zu schreiben. Die vielen neuen Erkenntnisse und die jetzt endlich offengelegten biografischen, politischen und künstlerischen Querverbindungen führen zu einer neuen Optik auf Raffaels Œuvre. Wir freuen uns, dass wir Ihnen diese heute präsentieren können.

Mein Wunsch wäre es, dass mit diesem Buch die Kontroverse über die MADONNA LEO X. abgeschlossen ist und sie endlich irgendwo den ihr seit 500 Jahren zustehenden Ehrenplatz als Meisterwerk findet.

Claudia Sigg-Farner

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